Dienstag, 26. Mai 2009
Lange habe ich hier nichts mehr geblogged. Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund dafür ist hier zu finden. Bitte fleißig bewerben!
Samstag, 4. August 2007
Die Unterhaltung mit einem Freund über die Wurm-Ausstellung erinnerte mich daran, dass ich für diese unbedingt die Werbetrommel schlagen wollte, bevor sie am 2.9. d.J. schließt. Es gibt zahlreiche höchst skurille Plastiken, Zeichnungen, Photographien und Installationen zu sehen. Ich sah die Ausstellung Ende April oder gegen Anfang Mai, werde sie mir wohl aber nochmal ansehen und kann sie auch weniger kunstinteressierten Menschen empfehlen, da der Zugang zur Kunst Wurm's einfach zu finden sein sollte. Höchst unterhaltsam!
Beim Begriff "religiöse Rechte" mußte ich bisher primär an die
religiöse Rechte in den USA
denken. Noch stärker waren die Assoziationen beim Thema
Kreationismus, den ich noch in den 90ern für ein amerikanisches
Problem hielt, von abseitigen Äußerungen etwa von erzkonservativen katholischen
Bischöfen einmal abgesehen. Leider aber scheint es, dass der Kreationismus hier auch
hierzulande wieder zu einem Problem werden könnte. So äußerte sich z.B. die
hessische Kultusministerin Wolff dahingehend, dass die biblische Schöpfungslehre
im Biologie-Unterricht behandelt werden sollte.
Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hat mit Kreationismus
»überhaupt nichts am Hut«, also der Idee, dass ein allmächtiger Gott für
die unendliche Komplexität des Lebens verantwortlich sei. Aber sie
spricht von »Konvergenzen« zwischen »Evolution und
Schöpfungsgeschichte«, und sie hält es für »sinnvoll«, Schüler nicht
allein mit der Evolutionslehre im Biologieunterricht zu konfrontieren.
Darwin und Nachfolger dürften nicht getrennt werden von der
»Schöpfungslehre der Bibel«, die im Religionsunterricht vermittelt wird.
Auch »noch eine andere Sicht« sei notwendig als nur die der
Naturwissenschaft.
(Josef Joffe in der ZEIT)
Eine Meinungsäußerung, die, abgesehen von wenigen (kritischen) Artikeln im
Feuilleton, weitgehend unbeachtet und folgenlos blieb. Koch stellte sich
hinter sie, und Wolff bleibt weiterhin für die Schulen in Hessen
zuständig auch ohne das von ihr verlangt wurde, zurückzurudern und ihre
Aussagen zu relativieren.
Diese Akzeptanz ist fatal. Zwar muß man sich zumindest im Moment um das
staatliche Schulwesen noch wenig Sorgen machen, doch die Entwicklungen
im privaten Schulwesen geben Anlass zur Sorge. So sagt z.B. der Politologe
Lammers nicht nur, dass
die Zahl der Menschen, die an naturwissenschaftlichen Welterklärungen
zweifelten, steigen würde, sondern er befürchtet auch, dass durch den
Trend zur Gründung privater Schulen, auch Kreationisten profitieren würden.
Ich halte diese Furcht für sehr begründet, schaut man sich derartige
Überlegungen etwa im Umfeld evangelikaler Gruppen an.
Doch man muß gar nicht so weit schauen. Auch andere Entwicklungen geben Anlaß
zur Sorge. In Hamburg etwa, wo, nach der Verabschiedung des
Staatsvertrages, die katholische
Kirche plant aus dem bisherigen Modell des interkonfessionellen Unterrichtes
auszusteigen, ist zu befürchten, dass auch dies zur Erosion
wissenschaftlicher Grundbildung führen könnte. Zwar ist die offizielle
Position der katholischen Kirche mit Hinblick auf die Schöpfungslehre
durchaus vernünftig, die Position vieler Kleriker auch in hohen Positionen
(etwa Mixa oder Schönborn) jedoch eher durch religiösen Fanatismus
gekennzeichnet. Und für die nahe Zukunft wird auch eine andere Entwicklung
interessant werden: der Anteil der Muslime in Hamburg wird in den nächsten
Jahrzehnten deutlich steigen. Auch hier gibt es sehr unterschiedliche
Positionen, die von "verhältnismäßig aufgeklärt" bis hin zu einem
wissenschaftsfeindlichen religiösem Dogmatismus reichen.
Lord Ralf
Dahrendorf hat vollkommen recht, wenn er in der Gegenaufklärung eine
ernsthafte Bedrohung sieht, der man jetzt kämpferisch
entgegentreten müßte.
Today’s counter-Enlightenment fashion can easily get out of hand. Those
who are committed to liberty must learn to appreciate and defend it now,
lest they someday have to fight to get it back.
Freitag, 9. Juni 2006
Religion und Wissenschaft sind verschiedene Dinge. Diese Auffassung schien in diesem Lande (und in Europa generell) mehrheitlich konsensfähig. Insofern betrachtete ich die Auseinandersetzungen um das sog. "Intelligente Design" (eine kreationistische Lehre in pseudowissenschaftlichem Gewand) in den Vereinigten Staaten zwar mit Interesse, aber nur
bedingt mit der Sorge, dass es hier zu ähnlich unschönen Auseinandersetzungen kommen könnte. Dies auch angesichts solcher Tatsachen, dass der Papst Ende der 90er Jahre erklärte, dass die Evolutionslehre durchaus mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren ist, oder das in Umfragen regelmäßig festgestellt wird, dass viele Christen fundamentalen Lehren des Christentums nicht mehr glauben. So glaubt nicht einmal mehr ein Drittel aller bekennenden Christen an die Auferstehung Jesu Christi. Auch die Vorstellung eines persönlichen Gottes schwindet. Jan Roß schrieb aufgrund solcher Entwicklungen vor einen paar Jahren einen prägnanten Artikel in der ZEIT, den ich hier zu gerne verlinkt hätte, in der er beschrieb wie sehr "Gott" im Laufe der Zeit immer ätherischer, die Gottesbilder immer abstraktiver wurden, und betitelte ihn, wenn ich mich Recht erinnere, passender Weise mit der Frage "Wo ist Gott?".
Diese zunehmende Differenzierung und Abstrahierung ist aus kulturhistorischer oder soziologischer Perspektive nicht verwunderlich. Individualisierung, Aufklärung oder (dieser diametral entgegenstehend) zahlreiche Einflüsse anderer Religionen und esoterischer Weltbilder, sowie natürlich auch die mit der Säkularisierung einhergehende geringere Autorität der Kirche(n) (die frühen Christen etwa hatten ganz andere, weniger "christliche" Möglichkeiten mit gnostischen Häretikern umzugehen, man muß nicht unbedingt die katholische Inquisition bemühen...) mögen als Stichworte reichen.
Mir schien es also im wesentlichen so, dass die intelligenteren Gläubigeren einer Anschauung folgten, für die Stephen Jay Gould den Begriff "Non-overlapping magisteria" popularisierte. Eine vergleichsweise aufgeklärte Anschauung also, die die Religion in klar definierte Schranken verweist und ihr gleichwohl nicht jegliche Existenzberechtigung abspricht.
Leider habe ich zunehmend den Eindruck, wenn ich mir die Diskurse zum Verhältnis Wissenschaft und Religion anschaue, zunehmend mehr gebildete Gläubige die Rolle rückwärts zu machen. Ein Paradebeispiel dafür schildert die ZEIT in einem sehr
gelungenem
Artikel zur amerikanischen Templeton Foundation, die zunehmend auch in Europa aktiv wird um auch hier daran zu arbeiten, die Kraft des Glaubens oder gar Gottes Existenz empirisch zu beweisen. Anstoß für den Artikel gab wohl der überaus lesenswerte Essay des amerikanischen Wissenschaftsjournalistens John Horgan, der sich von der Stiftung hatte fördern lassen und nun über seine ambivalenten Gefühle darüber schrieb. Sehr aufschlußreich ist auch die Folgediskussion, hochkarätiger Wissenschaftler und Wissensschaftsjournalisten, von denen einige zu verschiedenen Zeitpunkten sich haben von der Stiftung fördern lassen. Die Templeton Foundation scheint sehr genau zu wissen, welche Menschen zu den überragenden Multiplikatoren gehören und sehr bemüht diese für Ihre Zwecke einzuspannen.
Angesichts solcher Diskurse oder stammtischtauglicher stoiberischer Vorstellungen, man müsse "Verletzungen des Heiligen" leichter ahnden können, muß ich leider festellen, dass sich dieses dialektische Konzept offenbar nicht bewährt. Vielleicht also sollten auch aufgeklärte Intellektuelle zukünftig weniger um Versöhnung bemüht sein, als darum den Gegenpositionen Raum zu verschaffen und den Glauben vehement in seine Schranken zu verweisen. Das Konzept der NOMA im Gouldschen Sinne, dass mehr die Vereinbarkeit beider Gebiete betont anstatt ihre Gegensätze, mag sich als "operative Theorie" im Umgang mit aufgeklärten Gläubigen bewähren. Es ist aber leider auch ein gänzlich ungeeignetes Mittel um dem Obskurantismus etwas entgegenzusetzen und verdeckt eher Probleme als sie zu lösen. Wissenschaft und Glaube - das geht nicht zusammen!
Montag, 8. Mai 2006
Anders als die meisten Artikeln zu dem momentanen Freud-Getaumel, die ich las (oder eher überflog), las ich im Vorfelde zu J.S. Mills 200. Geburtstag ein paar interessante biographische Artikel. Besonders diesen im Prospect Magazine empfehle ich nur allzu gerne zur Lektüre. Er skizziert in gelungener Weise Mills Leben als streitbarer, konsequenter, "öffentlicher Intellektueller", der sich nicht scheute die politische Bühne zu betreten und auch dort seine Ideen zu verfechten, denn "Ideen haben Konsequenzen":
He was not a natural politician; he lacked the clubability and ruthlessness of a political great. But by insisting on taking his ideas to their conclusions, he marked out a place for himself as one of the giants of the 19th century, and someone able to inspire as much by his living deeds as by his timeless words.
Donnerstag, 13. April 2006
Christian Köllerer schrieb ein paar bibliomane Betrachtungen. Inhalt und Form überraschten mich nicht. Ich mag im Grundsatz auch gar nicht widersprechen. Viele Klassiker haben aus den genannten Gründen sicherlich nach inhaltlichen und/oder formalen Kriterien eine überdurchschnittlich hohe Komplexität. Ich benutze bewußt das Wort Komplexität, da Qualität weniger eindeutig ist, so dass je nach Qualitätskriterien Vergleiche zwischen "Klassikern" und "Zeitgenössischen Werken" vermutlich weniger eindeutig ausfielen.
Mein Interesse traf insbesondere die Äußerung: was mich an Klassikern vor allem reizt: Die Vergangenheit und die Natur des Menschen besser zu verstehen. Eine Äußerungen die man von Klassikerfreunden häufiger hört, und eine, die mich jedensmal zweifeln lässt, ob das ein Alleinstellungsmerkmal von Klassikern ist. Ist es nicht viel mehr so, dass (schöngeistige) Literatur im Allgemeinen nur ein Spiegel oder auch Katalysator ist? Eine gestaltete und gedachte neue Erfahrungswelt? Wer das notwendige Rüstzeug mitbringt, der wird, wenn er will, etwas über die Natur des Menschens erfahren, egal ob er Goethes "Wahlverwandtschaften" oder Philipp Roths "Menschlichen Makel" liest. Auf dieser Ebene ist der allgemeine Vergleich zwischen Klassikern und Zeitgenössischer Literatur m.E. unergebig, zumal man bei vielen Klassikern wirklich lange suchen muß, um derartige Erkenntnisse zu gewinnen. Wer im reinen Text von Dantes Göttlicher Komödie mehr über die Natur des Menschen findet als in einem Kinder-Fantasyroman von Philip Pullman, der hat eine andere Komödie gelesen als ich.
Klassiker sind nicht "wahrer" oder "erkenntnisbringender" als zeitgenössische Werke. Und auch die Grundthemen ähneln sich sehr. Es geht doch immer irgendwie um Leben und Tod, Liebe und Hass, Mangel und Überfluß, Freiheit und Abhängigkeit und dergleichen.
Belletristik ist nicht allein geeignet zu Erkenntnissen zu gelangen. Goethes Gedankenspiele zu Doppelbindungen können ebenso in die Irre führen, wie freudianisch geprägte Vorstellungen jüngerer Literatur. Belletristik ist ein schöner Anlaß mal wieder über die Natur des Menschens nachzudenken, aber sie ist nicht der Schlüssel ihr. Dazu bedarf es mehr und in manchen Fällen geht es auch mit weniger...
Ob Klassiker oder Zeitgenössisches oder in welchem Verhältnis bleibt zuletzt doch immer eins: eine Frage des persönlichen Geschmacks und eigener Ambitionen.
Dienstag, 28. März 2006
Spiegel Online meldet den Tod Stanislav Lem's, der sich weltweit einen Namen als Autor von anspruchsvollen Klassikern der Science-Fiction-Literatur gemacht hat. Ich habe ein paar seiner Romane und Essays gelesen. Nicht alle sagten mir zu, aber immer spürte ich eine gemeinsame Geisteshaltung, denn Lems Denken schien mir von einem tiefen Humanismus geprägt. An einigen Werken habe ich mich gerieben (vorallem Essays, die mir oftmals etwas zu pessimistisch geraten sind), anderen kann ich sehr zustimmen (etwa seine Angriffe gegen die Futurologie in "Die Vergangenheit der Zukunft"), wieder andere haben mich gelangweilt ("Also sprach Golem" - interessante Idee, aber leider von nur geringem Unterhaltungswert) oder gut unterhalten ("Der futurologische Kongress"). Die nachhaltigste Begeisterung aber habe ich für seine fiktiven Rezensionen entwickelt und dies nicht nur, weil mir diese literarische Gattung, anderen Ortes noch nicht über den Weg lief.
Besonders empfehlen möchte ich die "Eine Minute der Menschheit". Das schmale Buch ist eine fulminante ironische Rezension eines statistischen Mammutwerkes, welches das menschliche Dasein mit vielerlei statistischen Zahlen, die Anzahl der Nachrufe pro Minute wurde leider nicht erfasst, zu ergründen versucht. Die Eine Minute zeigt auf unterhaltsame Weise, dass Schicksale ihre Bedeutung verlieren, wenn man sie zu aggregieren versucht und macht deutlich, dass die conditio humana nicht mit Statistik zu erfassen ist. Es ist mithin ein Buch, dass eine gute Schullektüre abgäbe und auch die Nachttische von Entscheidungsträgern zieren würde.
Mittwoch, 25. Januar 2006
Schööööön!
Ich habe eine schwäche für schöne Titel. Und dieser Titel ist schön und fast die zentrale Frage des Romanes, andere kommen eigentlich nicht vor, zusammen. Konkret geht es um einen Vorfall, über den der Erzähler und Protagonist der Geschichte, Viktor Haberland, zwölf Jahre später berichtet. Ihm wurde vorgeworfen, eine Mitschülerin vergewaltigt zu haben. Strafrechtlich blieb der Fall ohne Bedeutung, da keine Anzeige erstattet wurde, doch gegenüber der Schule von der Mutter die Forderung erhoben wurde, Haberland sei des Gymnasiums zu verweisen. Mit Hilfe von Notizen seines alten Lehrers, macht sich Haberland daran, die Geschichte zu rekonstruieren und es stellt sich die Frage, wo die (körperliche) Liebe endet und die Gewalt beginnt. Kurzum: wie bestimmt man die sich stets verschiebende Grenze zwischen Land und Meer?
Fazit: "Wo das Meer beginnt" ist eine kleine und schnörkelose Geschichte. Aber schön ist sie!
Donnerstag, 19. Januar 2006
Ich bekam dies Buch von einer guten Freundin geschenkt (vielen Dank!) und habe es schnell durchgelesen.
Adler und Engel unterhält und ist aus handwerklicher Sicht okay, doch es fällt mir schwer zu verstehen, warum ihn derart viele Rezensenten (ich benutze gerne die Perlentaucher um mir ein Überblick zu verschaffen) derartig positiv goutierten.
Man ahnt, dass Juli Zeh Bücher wie "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" nicht nur gelesen haben muß, sondern gerade zu verinnerlicht hat. Und genau dies ist, neben aller Verschwörungstheorie, mein Problem mit dem Roman: er erinnert an einen Grisham oder Clancy, mit dem Unterschied vielleicht, dass "das Gute" am Ende nicht siegt und der Protagonist kein strahlender Held, sondern ein koksender, frauenschlagender Ex-Staranwalt ist, der nach dem Selbstmord seiner Freundin beschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Auch die Psychologie der Charaktere lässt zu wünschen übrig. Anders als bei genannten Amerikanern ist es jedoch nicht so, dass die Psychologie keine Rolle spielte. Es ist schlimmer: die Charakterisierung ist nicht nur oberflächlich und "way to cool", sondern insbesondere im Falle von Clara beziehungsweise Lisa nicht wirklich überzeugend.
Fazit: Kann man lesen, muß man aber nicht.
Sonntag, 15. Januar 2006
Lange, sehr lange, seit ich vor Jahren eine vielversprechende Rezension von Iris Radisch las, stand dieser Roman auf meiner Leseliste. Im letzten Jahr, auf der Suche nach einem Roman, den ich guten Gewissens meiner Freundin schenken könnte, fiel mir der Titel wieder ein. Ein äußerst glücklicher Umstand, denn so wie wie sich Philipp Roth als die Entdeckung des Vorjahres entpuppte, so erwies sich Shalev als meine literarische Entdeckung des Jahres 2005.
Liebesleben ist ein rasanter Roman über eine junge verheiratete Frau, die sich in eine leidenschaftliche, fast obsessive Affäre mit einem deutlich älteren Mann, einem Freund ihres Vaters, stürzt. Während mich auf den ersten zwei Seiten die narrative Form des stream of consciousness noch etwas irritierte, versank ich sehr schnell in der Lektüre. Das Werk packte mich bis zu seinem überraschenden Ende, an dem die Protagonistin, wie es auf der Buchrückseite des Romans so schön heißt, "zu sich selbst findet".
Fazit: Unbedingt empfehlenswert!
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