Montag, 15. März 2010
Liebe Leute,
ich möchte Euch ganz herzlich zum
"Forum Europa", der ersten Unconference zur Europäischen Union,
einladen, dass die JEF-Hamburg zusammen mit der
Europa Union Hamburg und dem
Infopoint Europa am Samstag, den 27. März 2010 veranstaltet.
Es haben sich schon einige interessante Personen angekündigt und ich bin guter
Dinge, dass wir dort ein recht buntes Programm haben werden und würde mich
freuen, wenn wir auch in der europapolitisch interessierten "Szene" das
moderne Format der BarCamps etablieren könnten und diese Veranstaltung gut
besucht würde.
Als Mitveranstalter freut es mich, dass wir jetzt schon sehr bunte
Ankündigungen von Themen haben. Diese reichen von eher "harten" Themen wie
etwas vertragliche Fragen rund um den Vertrag von Lissabon,
politischen wie Europa 2020 und auch eher weiche Themen, wie etwa
ein Workshop zur europäischen Blogosphäre, den mein Kollege
Martin Teubner anbieten wird. Ich
selbst bin als Organisator leider recht eingebunden, überlege aber dennoch,
ob ich nicht einen kurzen Vortrag mit anschl. Gesprächsrunde zur
europäischen Jugendstrategie anbiete, mit der ich mich im letzten
Jahr auf vierlei Ebenen auseinandersetzen durfte.
Da dies unseres Wissens, dass erste EU-BarCamp ist und dieses Format vielen potentiellen
Teilnehmern erst noch nahegebracht werden muss, haben wir uns entschieden, keine Unconference
in Reinkultur zu machen, sondern auch einen Track mit gezielt eingeladenen Gästen zu besetzen.
Hier konnten wir spannende Teilnehmer gewinnen. Persönlich freue ich mich besonders
auf den Vortrag von dem Demographie-Experten der Bertelsmann-Stiftung, Dr. Ole Wintermann,
über globale Megatrends.
Ich hoffe, ich konnte Euer Interesse wecken und Ihr habt Lust bekommen gemeinsam mit
uns einen spannenden, informativen, lehrreichen und vorallem begegnungsreichen Tag
rund um das politische Europa zu erleben.
Montag, 8. Juni 2009
So richtig freuen kann ich mich über das Ergebnis der
Europawahlen nicht. Als grünes Parteimitglied erfreut es
mich natürlich, dass die Grünen ein recht veritables
Ergebnis erzielt haben. Dies freut mich auch deshalb
sehr, weil ich die Motive der Kampagne ziemlich
miserabel gefunden habe und nicht glaube, dass sie
die Menschen sehr angesprochen haben wird.
Dies nicht etwa wegen der viel kritisierten Maxime
"WUMS", die durchaus auch etwas selbstironisches hätte
haben können (was erfrischend gewesen wäre, da
Selbstironie in der politischen Kommunikation leider ein
eher seltenes Pflänzchen ist). Problematisch fand ich
viel mehr: es gab kaum Köpfe zu sehen und dort, wo sie
fehlten, auch keine positiven emotionalen Bilder.
Stattdessen gab es nur ein übergroßes "WUMS", dass in fataler Weise
symbolisierte, was zur EU oft festgestellt wird: sie sei
als politisches Gebilde zu weit weg und zu abstrakt.
Wie anders sollte man sich erklären, dass auch diesmal wieder deutlich weniger
Menschen gewählt haben als bei Kommunal-, Landtags- oder Bundestagswahlen?
Die Parteien, und zwar ausnahmslos alle, haben leider
wenig dazu beigetragen dies zu ändern. Die SPD hat eine
Anti-Kampagne gefahren und EU-Klischees bedient (an
denen durchaus auch etwas wahres dran ist) und für
die CDU fand die Europawahl, insbesondere auf
überregionaler Ebene, kaum statt, so dass man sich nicht
wundern muß, dass Pöttering, der eigentlich schon qua
seines Amtes ein gut darstellbarer Spitzenkandidat
hätte sein müssen, der Mehrheit der Bevölkerung nicht
bekannt ist und sogar weit weniger bekannt ist als etwa
Martin Schulz. Am besten hat es da vermutlich noch die FDP
gemacht, die den Wählern zumindest ein Gesicht gegeben
hat; auch wenn ich starke Zweifel habe, dass der
Wahlerfolg darin begründet liegt.
Mindestens ebenso ärgerlich ist die geringe
Berichterstattung in den Medien. Zwar hatte ich das
Gefühl, dass in den letzten Tagen vor der Wahl recht
viel thematisches kam, aber das ist nicht das gleiche,
wie eine kontinuierliche Berichterstattung. Denn wie
glaubwürdig, wie überzeugt ist es, wenn stets kurz vor
der Wahl feststellt wird, wie wichtig das EP doch sei
und kurz nach der Wahl niemand mehr davon redet?
2004 lag der Anteil der Europawahlberichterstattung in
Deutschland bei etwa 2 mageren Prozentpunkten, womit
Deutschland das Schlußlicht innerhalb der EU bildete.
Subjektiv habe ich das Gefühl, dass sich das gebessert
haben könnte, aber dieser Eindruck mag auch meiner sehr
selektiven Mediennutzung geschuldet sein.
Wie auch immer: hier sind die Medienvertreter gefragt,
dieses Thema stärker zu popularisieren. Und hier sind
sie verdammt noch mal in die Pflicht zu nehmen! Es mutet
schon etwas grotesk an, wenn man in den Feuilletons
derzeit Debatten über die Bedeutsamkeit des
"Qualitätsjournalismus" im Internetzeitalter lesen
darf und dann auch in eben diesen Zeitungen die
EU-Berichterstattung eher mau ist.
Die anhaltend niedrige Wahlbeteiligung ist nicht
zufriedenstellend. Hier muss mehr passieren und hier
müssen wir mehr tun. Umso mehr freut es mich, dass ich,
entgegen der obigen Kritik, gerade in den letzten
Monaten erfahren durfte, wie viel ernster viele
Vertreter der Jugendorganisationen der Parteien diese
Fragen nehmen. Auch wenn es leider nicht reichte: mir
hat es Spaß gemacht mit Ihnen (und anderen!) für die
gemeinsame Sache zu streiten und hoffe, dass wir die
Einigkeit in dieser Frage auch dazu nutzen können, dass
wir dann vielleicht in fünf Jahren besser aufgestellt
sind. Und wenn nicht dann, dann spätestens in zehn mit
einer neuen Generation von Politikern, die nicht in dem
Maße dazu neigt, alle politischen Erfolge "zu
nationalisieren" und alle schwierigen Fragen "zu
europäisieren".
Dienstag, 26. Mai 2009
Lange habe ich hier nichts mehr geblogged. Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund dafür ist hier zu finden. Bitte fleißig bewerben!
Samstag, 7. Juni 2008
Seit Jahren nörgele ich hier und da über mangelnden Datenschutz und ich muß
sagen, ich war oft frustriert, wenn ich merkte wie gering das Problembewußtsein für
solche Fragen bei einigen Mitmenschen ist. Denn dass Sorgen begründet sind zeigt sich
zunehmend öfter. Die Meldungen, dass Daten durch
Fehler oder Käuflichkeit von Mitarbeitern
"verloren" gingen häufen sich. In manchen Fällen mag
man sich heimlich freuen, etwa über Lichtensteiner DVD's. Andere hingegen,
wie etwa der jüngste
Datenverlust
einer amerikanischen Bank, sind dagegen schon eher Anlass zur Sorge.
Es war nur eine Frage der Zeit bis der erste große Skandal kommt und ich muß
sagen, es erfüllt mich mit einer gewissen Schadenfreude, dass es gleich die
Telekom erwischte. Die Stimmung kippt. Und das ist erfreulich.
Die Demoskopen stellten jüngst fest:
72%
der Deutschen machen sich derzeit Sorgen um den Datenschutz. Ich hoffe
diese Stimmung hält an und verpufft nicht in dem Maße, wie die Berichterstattung
nachlässt. Und ich hoffe, die Parlamentarier machen ihre Arbeit und kommen zu dem Schluss,
dass überall dort, wo Daten gesammelt werden, die einzelnen Personen zuzuordnen sind,
striktere Regelungen getroffen werden müssen.
Freitag, 9. Mai 2008
Es passiert selten, dass mich politische Personalien begeistern. Natürlich freue ich mich über gute Leute - und davon gibt es, neben allem Mittelmaß, nicht nur bei uns, einige. Aber wirklich exzellente Besetzungen sind selten. Das neue Führungspersonal der Schulbehörde hingegen erfreut mich sehr.
Mit Christa Goetsch haben wir nun wieder eine entschlossene Schulsenatorin, die mit "Hand, Herz und Verstand" (wie es in grünen Bildungsschriften so oft so schön hieß) entschieden versuchen wird, unser selektives und dabei nicht mal besonders leistungsfähiges Schulsystem zu reformieren. Die Entscheidung Ulrich Vieluf als Staatsrat zu berufen ist ein gutes Zeichen. Nur wenige kennen den Behördenapperat so gut, sind fachlich so versiert und mit so viel Leidenschaft dabei. Es ist ein gutes Zeichen und eine kluge Entscheidung, dass diese Stelle nicht nach grüner Partei-Mitgliedschaft besetzt wurde, sondern nach inhaltlichen Gesichtspunkten. Ich mache keinen Hehl daraus, die Namen, die vorher gehandelt wurden, begeisterten mich nicht. Es wären gute Leute gewesen, aber für die kommende Aufgabe eben nicht gut genug.
Denn machen wir uns nichts vor: die nächsten vier Jahre werden schwierig. Sehr schwierig. Schulpolitik ist ein schwieriges Geschäft, bei dem, mehr noch als in anderen Bereichen, jeder meint mitreden zu können, weil ja schließlich jeder selbst schon einmal Schüler gewesen ist. Die eigene Perspektive wird dabei bar jeder Sachkenntnis nur allzu gerne verallgemeinert. Umso froher bin ich, dass jemand der etwas von Empirie versteht, nun die Verwaltung leiten wird.
Ich kann nur hoffen, dass andere personelle Frage mit ähnlich viel Umsicht entschieden werden und wünsche Ihnen und uns viel Durchhaltevermögen und kommunikative Stärke, die Reformen erfolgreich zu vermitteln. Ich für meinen Teil habe mir fest vorgenommen mich wieder stärker in die Diskurse einzumischen und meinen kleinen, bescheidenen Teil dazu beizutragen. Die Tür ist einen Spalt weit auf, jetzt gilt es sie nicht wieder zu fallen zu lassen und den sich gründenden Initiativen gegen die Reformen wortgewaltig entgegen zu treten!
Sonntag, 18. November 2007
In der ZEIT schreibt
Wolfgang Schäuble eine Apologie seiner Politik. Er
doziert, dass die Herrschaft des Rechts im modernen Rechtsstaat untrennbar
mit der Durchsetzung des Rechts verknüpft ist. Leider vergisst er zu
erwähnen, dass es - auch in der Domäne des Rechts! - so einfach denn auch
nicht ist. Denn die Durchsetzung von Rechtsnormen ist keine binäre
Angelegenheit. Es stellt sich eben nicht nur die Frage ob, sondern auch die Frage
wie Rechtsnormen durchgesetzt werden.
Schäuble doziert über große Theoretiker der Rechtsstaatlichkeit und mir
bleibt fast der Atem weg, wenn ausgerechnet er kurzerhand ex cathedra
erklärt, dass "manche aktuelle Diskussion in Deutschland" bei Hobbes stehen
geblieben sei. Dummdreist scheut er sich nicht en passant liberale Denker
wie Locke und Mill für seine Position einzunehmen und anschließend alle
konkreten rechtsphilosophischen Fragen, die man vielleicht erörtern sollte,
wenn man neue Rechtsquellen schaffen will, ausblendet.
Es ist schon bemerkenswert, dass jemand, der Innenminister ist, und meint dem
Leser noch etwas über "moderne Rechtsstaatlichkeit" erzählen zu können, den
Begriff der Verhältnismäßigkeit in diesem Kontext nicht
einmal erwähnt. Dabei ist eben jener Begriff aus dem Ideenkatalog moderner
Rechtsstaatsbegriffe nicht wegzudenken.
Schäuble schreibt: Das wichtigste Instrument im Kampf gegen den
Terrorismus ist intelligence . Gerade jenes Mittel,
dass er so schön mit diesem Fremdwort zu verdecken sucht, gemeint ist
geheimdienstliche Aufklärung, ist aber eines der problematischten
Gebiete wenn man über den "modernen Rechtsstaat" nachdenkt.
Denn: von allen staatlichen Einrichtungen sind die Geheimdienste jene
die am ehesten Rechtsgüter gefährden und sich am ehesten der
rechtsstaatlichen Kontrolle entziehen.
Was Schäuble fordert (Aufhebung der Trennung von innerer und äußerer Sicherheit
und der Einsatz geheimdienstlicher Methoden zunehmend auch außerhalb der
Geheimdienste) führt eher zu einer Demontage, nicht zu einer Stärkung des
Rechtsstaates.
Der nicht gerade linksliberaler Umtriebe verdächtige
di Fabio schreibt in der Welt ganz treffend:
Man kann mit Blick auf die Extremlage den Grundsatz der
Verhältnismäßigkeit nicht beliebig verschieben, nach dem Motto, die
Sicherung des Landfriedens und des Lebensschutzes soll "falls möglich
mit milden Mitteln, aber zur Not-Wende auch mit härteren, geeigneten und
erforderlichen Mitteln" (Brugger) bis hin dann womöglich zu absolut
unerlaubten Mitteln erfolgen dürfen. Eine Gesellschaft sollte sich nicht
hysterisch in eine "Not-Wende-Zeit" hineinreden, in der jedes Mittel
recht scheint, um zu überleben. Wer heute so katastrophenfixiert
formuliert, könnte morgen eine solche Wirklichkeitswahrnehmung
herbeigeredet haben.
Und genau das dürfen wir nicht zulassen.
Samstag, 17. November 2007
Die gute Nachricht zuerst: der digitale Wahlstift
ist vom Tisch. Vorerst. Denn
mittlerweile sehen viele Parteivertreter zwar ein, dass
es Sicherheitsbedenken gibt, haben aber immer noch nicht
verstanden, dass elektronische Wahlen ein
grundsätzliches Problem haben, welches sich nicht lösen
lässt. Der Glaube, der technische Fortschritt würde das
Problem schon lösen, ist naiv, da es sich bei dem Problem der
Transparenz primär gar nicht um ein technologisches Problem
handelt.
Parlamentswahlen haben einen einfachen Zweck: sie
dienen, je nach Sichtweise, entweder dazu Personen und
Parteien auf friedliche Art und Weise Macht zu geben
oder zu entziehen. Damit sie nicht durch Ausübung von
subtileren Form der Gewalt oder durch Manipulationen
kleinerer Gruppen beeinflusst werden können, gibt es ein
paar einfache Grundsätze die unabdingbar sind. Dazu
gehören neben den Grundsätzen der
Allgemeinheit, der Gleichheit, der
Privatheit auch der Grundsatz der Transparenz
einer Wahl. Und eben dieser Grundsatz ist
bei elektronischen Wahlen prinzipiell nicht zu
erfüllen! Ein elektronisches Wahlgerät, egal wie gut
und sicher es sein mag, ist für die Wähler eine
Black-Box. Selbst für fachlich versierte. Aus diesem
Grunde sind elektronische Parlamentswahlen grundsätzlich
abzulehnen.
Leider steht zu befürchten, dass die Befürworter
elektronischer Wahlsysteme nach den Bürgerschaftswahlen
wieder mit der Notwendigkeit argumentiert werden und
dann wohl möglich auf vergangene Erfahrungen verweisen
können, die vielleicht wirklich zeigen werden, dass
das jetzige Wahlsystem nicht praktikabel ist.
Aus diesem Grund kann ich
Hanno nur zustimmen, wenn er schreibt:
Hamburger werdet Wahlhelfer!
Wenn sich nur genug melden werden sich die Befürchtungen
hoffentlich als Schwarzmalerei herausstellen. Sollten
wir aber aber tatsächlich feststellen, dass dieses
Wahlsystem ohne Wahlhilfen nicht sinnvoll funktioniert,
dann werden wir wohl oder übel die Diskussion über das
neue Wahlrecht noch einmal aufmachen müssen. Und dann
werde wohl möglich auch ich meine Haltung dazu
revidieren. Schöner aber wärs natürlich, wenn wir uns
diese Frage gar nicht stellen müßte. Also: "Hamburger
werdet Wahlhelfer!"
Donnerstag, 25. Oktober 2007
Ich stelle mich seit einigen Jahren als Wahlhelfer zur Verfügung.
Diese Aufgabe ist zwar nicht besonders spannend, gleichwohl aber
eine, die notwendigerweise erledigt werden muß. Nun erhielt ich
wieder Post vom Bezirksamt, worauf ich leider entgegnen mußte,
dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mich wieder zur Verfügung
stellen werden. Denn: mit der Einführung des digitalen
Wahlstiftes soll es, von Stichproben abgesehen, keine
regulären öffentlichen Auszählungen mehr geben.
Deshalb schrieb ich folgenden Brief und bitte jeden besorgten
Hamburger Bürger jetzt, bevor der
Verfassungsausschuß darüber berät, seine Bedenken
zu äußern und die Fachsprecher der Parteien anzuschreiben
(Kontaktadressen weiter unten).
"Wahlmaschinen - nicht mit mir!" vollständig lesen
Mittwoch, 22. August 2007
Es ist schwer zu ertragen, wie zunehmend Freiheitsrechte im Namen des
Kampfes gegen den Terror abgebaut werden und wie mit Angst Politik
gemacht wird. Rational ist das nicht. Denn nüchterne Blicke in die
Statistiken zeigen, das wir weniger Probleme mit dem Terror haben als
mit Verkehrs- oder Drogentoten, den ganz alltäglichen Verbrechen oder
dem anhaltenden Problem des Rechtsextremismus insbesondere im Osten
unseres Landes.
Richtig absurd ist, was sich jetzt im Falle des Berliner Stadtsoziologen
Andrej H. ereignet. Das
Soziologen-Ehepaar Sassen und Sennett fasst das knapp zusammen und
kritisiert mit recht:
Der liberale Staat verändert sich. In den Sechzigerjahren besaß
Deutschland die aufgeklärtesten Gesetze für Flüchtlinge und
Asylsuchende in Europa; die USA erließen die feinfühligsten
Einwanderungsgesetze in ihrer Geschichte, und Frankreich
garantierte allen, die auf seinem Territorium geboren wurden,
automatisch die Staatsbürgerschaft, das galt auch für alle Muslime.
Heute haben alle diese Länder im Namen des "Kriegs gegen den
Terror" ihre Gesetze geändert - der Ausnahmezustand setzt sich
durch. Die Gesetze, die gegen echte Gefahren gedacht waren, werden
nun ausgelegt, um amorphen Ängsten zu begegnen. Anstelle echter
Polizeiarbeit wollen die Autoritäten der Gefahr, die sie fürchten,
einen Namen geben - irgendeinen Namen. Der Ausnahmezustand
untergräbt die Legitimität von Staaten. Wenn Fälle so verfolgt
werden wie dieser, dann läuft eine Regierung Gefahr, ihre Autorität
zu verlieren, und beraubt sich damit der Möglichkeiten,
wirkungsvoll gegen echte Terroristen vorzugehen.
Sollten unsere Kollegen wirklich gefährliche Soziologen sein, dann
sollten sie mit rationalen Mitteln strafrechtlich verfolgt werden.
Aber, wie in Guantánamo, scheint die Verfolgung an Stelle der
Strafverfolgung getreten zu sein.
Da frage ich mich doch, was soll das? Gerade angesichts der Tatsache,
dass anderen Ortes leider mal wieder ein viel drängerenderes Problem
sichtbar wurde, dass sich diesmal in Form eines wildgewordenen Mobs
beachtlicher Größe manifestierte, der sich wohlmöglichlich nicht nur
aus organisierten Rechtsextremen bildete und eine
Hetzjagd
auf eine kleine Gruppe Inder machte.
Ich wünschte die großen und kleinen Schäubles in der Legislative und Exekutive dieses Landes würden diese
wirklich drängenden und beängstigenden Probleme anfassen anstatt den
Rechtsstaat weiter zu sabotieren.
Samstag, 4. August 2007
Beim Begriff "religiöse Rechte" mußte ich bisher primär an die
religiöse Rechte in den USA
denken. Noch stärker waren die Assoziationen beim Thema
Kreationismus, den ich noch in den 90ern für ein amerikanisches
Problem hielt, von abseitigen Äußerungen etwa von erzkonservativen katholischen
Bischöfen einmal abgesehen. Leider aber scheint es, dass der Kreationismus hier auch
hierzulande wieder zu einem Problem werden könnte. So äußerte sich z.B. die
hessische Kultusministerin Wolff dahingehend, dass die biblische Schöpfungslehre
im Biologie-Unterricht behandelt werden sollte.
Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hat mit Kreationismus
»überhaupt nichts am Hut«, also der Idee, dass ein allmächtiger Gott für
die unendliche Komplexität des Lebens verantwortlich sei. Aber sie
spricht von »Konvergenzen« zwischen »Evolution und
Schöpfungsgeschichte«, und sie hält es für »sinnvoll«, Schüler nicht
allein mit der Evolutionslehre im Biologieunterricht zu konfrontieren.
Darwin und Nachfolger dürften nicht getrennt werden von der
»Schöpfungslehre der Bibel«, die im Religionsunterricht vermittelt wird.
Auch »noch eine andere Sicht« sei notwendig als nur die der
Naturwissenschaft.
(Josef Joffe in der ZEIT)
Eine Meinungsäußerung, die, abgesehen von wenigen (kritischen) Artikeln im
Feuilleton, weitgehend unbeachtet und folgenlos blieb. Koch stellte sich
hinter sie, und Wolff bleibt weiterhin für die Schulen in Hessen
zuständig auch ohne das von ihr verlangt wurde, zurückzurudern und ihre
Aussagen zu relativieren.
Diese Akzeptanz ist fatal. Zwar muß man sich zumindest im Moment um das
staatliche Schulwesen noch wenig Sorgen machen, doch die Entwicklungen
im privaten Schulwesen geben Anlass zur Sorge. So sagt z.B. der Politologe
Lammers nicht nur, dass
die Zahl der Menschen, die an naturwissenschaftlichen Welterklärungen
zweifelten, steigen würde, sondern er befürchtet auch, dass durch den
Trend zur Gründung privater Schulen, auch Kreationisten profitieren würden.
Ich halte diese Furcht für sehr begründet, schaut man sich derartige
Überlegungen etwa im Umfeld evangelikaler Gruppen an.
Doch man muß gar nicht so weit schauen. Auch andere Entwicklungen geben Anlaß
zur Sorge. In Hamburg etwa, wo, nach der Verabschiedung des
Staatsvertrages, die katholische
Kirche plant aus dem bisherigen Modell des interkonfessionellen Unterrichtes
auszusteigen, ist zu befürchten, dass auch dies zur Erosion
wissenschaftlicher Grundbildung führen könnte. Zwar ist die offizielle
Position der katholischen Kirche mit Hinblick auf die Schöpfungslehre
durchaus vernünftig, die Position vieler Kleriker auch in hohen Positionen
(etwa Mixa oder Schönborn) jedoch eher durch religiösen Fanatismus
gekennzeichnet. Und für die nahe Zukunft wird auch eine andere Entwicklung
interessant werden: der Anteil der Muslime in Hamburg wird in den nächsten
Jahrzehnten deutlich steigen. Auch hier gibt es sehr unterschiedliche
Positionen, die von "verhältnismäßig aufgeklärt" bis hin zu einem
wissenschaftsfeindlichen religiösem Dogmatismus reichen.
Lord Ralf
Dahrendorf hat vollkommen recht, wenn er in der Gegenaufklärung eine
ernsthafte Bedrohung sieht, der man jetzt kämpferisch
entgegentreten müßte.
Today’s counter-Enlightenment fashion can easily get out of hand. Those
who are committed to liberty must learn to appreciate and defend it now,
lest they someday have to fight to get it back.
|
Kommentare