Samstag, 17. November 2007
Die gute Nachricht zuerst: der digitale Wahlstift
ist vom Tisch. Vorerst. Denn
mittlerweile sehen viele Parteivertreter zwar ein, dass
es Sicherheitsbedenken gibt, haben aber immer noch nicht
verstanden, dass elektronische Wahlen ein
grundsätzliches Problem haben, welches sich nicht lösen
lässt. Der Glaube, der technische Fortschritt würde das
Problem schon lösen, ist naiv, da es sich bei dem Problem der
Transparenz primär gar nicht um ein technologisches Problem
handelt.
Parlamentswahlen haben einen einfachen Zweck: sie
dienen, je nach Sichtweise, entweder dazu Personen und
Parteien auf friedliche Art und Weise Macht zu geben
oder zu entziehen. Damit sie nicht durch Ausübung von
subtileren Form der Gewalt oder durch Manipulationen
kleinerer Gruppen beeinflusst werden können, gibt es ein
paar einfache Grundsätze die unabdingbar sind. Dazu
gehören neben den Grundsätzen der
Allgemeinheit, der Gleichheit, der
Privatheit auch der Grundsatz der Transparenz
einer Wahl. Und eben dieser Grundsatz ist
bei elektronischen Wahlen prinzipiell nicht zu
erfüllen! Ein elektronisches Wahlgerät, egal wie gut
und sicher es sein mag, ist für die Wähler eine
Black-Box. Selbst für fachlich versierte. Aus diesem
Grunde sind elektronische Parlamentswahlen grundsätzlich
abzulehnen.
Leider steht zu befürchten, dass die Befürworter
elektronischer Wahlsysteme nach den Bürgerschaftswahlen
wieder mit der Notwendigkeit argumentiert werden und
dann wohl möglich auf vergangene Erfahrungen verweisen
können, die vielleicht wirklich zeigen werden, dass
das jetzige Wahlsystem nicht praktikabel ist.
Aus diesem Grund kann ich
Hanno nur zustimmen, wenn er schreibt:
Hamburger werdet Wahlhelfer!
Wenn sich nur genug melden werden sich die Befürchtungen
hoffentlich als Schwarzmalerei herausstellen. Sollten
wir aber aber tatsächlich feststellen, dass dieses
Wahlsystem ohne Wahlhilfen nicht sinnvoll funktioniert,
dann werden wir wohl oder übel die Diskussion über das
neue Wahlrecht noch einmal aufmachen müssen. Und dann
werde wohl möglich auch ich meine Haltung dazu
revidieren. Schöner aber wärs natürlich, wenn wir uns
diese Frage gar nicht stellen müßte. Also: "Hamburger
werdet Wahlhelfer!"
Donnerstag, 25. Oktober 2007
Ach, hätte ich das doch vor zwei Stunden gelesen als ich meinen Brief schrieb! Der Chaos Computer Club hat offen tatsächlich einen Wahlstift-Trojaner gebaut!
Der CCC hat zur beispielhaften Illustration der vielfältigen Angriffsmöglichkeiten gegen den Wahlstift für die Hamburger Bürgerschaft einen trojanischen Wahlstift entwickelt, der äußerlich nicht als solcher erkennbar ist. Solch ein Stift kann sowohl von Wählern als auch von an der Wahlvorbereitung und -durchführung beteiligten Personen unbemerkt ins Wahllokal mitgebracht und statt dem echten Wahlstift in die Auslesestation gesteckt werden. Der manipulierte Stift überträgt dann nicht nur digitale Stimmkreuze zum Auswertungscomputer, sondern agiert als ein sogenanntes Trojanisches Pferd zum Einschleusen von Schadsoftware. Sobald der Stift in die Auslesestation gesteckt wird, aktiviert sich ein Manipulationsprogramm, welches automatisch auf das Zielsystem übertragen und dort ohne Zutun des Bedieners ausgeführt wird. Das Programm kann nun problemlos Manipulationen auf dem Auswertungslaptop vornehmen, indem es z. B. die Position der digital gespeicherten Stimmkreuze verändert, das Endergebnis verfälscht, speichert und ausgibt.
Wer jetzt noch auf den Wahlstift setzt gehört endgültig merkbefreit! Und an die Jungs und Mädels vom CCC die an diesem und anderen wichtigen Themen dranhängen: Ihr seid großartig!
Update: Der CCC hat nachgelegt und einen zweiten Hack demonstriert.
Ich stelle mich seit einigen Jahren als Wahlhelfer zur Verfügung.
Diese Aufgabe ist zwar nicht besonders spannend, gleichwohl aber
eine, die notwendigerweise erledigt werden muß. Nun erhielt ich
wieder Post vom Bezirksamt, worauf ich leider entgegnen mußte,
dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mich wieder zur Verfügung
stellen werden. Denn: mit der Einführung des digitalen
Wahlstiftes soll es, von Stichproben abgesehen, keine
regulären öffentlichen Auszählungen mehr geben.
Deshalb schrieb ich folgenden Brief und bitte jeden besorgten
Hamburger Bürger jetzt, bevor der
Verfassungsausschuß darüber berät, seine Bedenken
zu äußern und die Fachsprecher der Parteien anzuschreiben
(Kontaktadressen weiter unten).
"Wahlmaschinen - nicht mit mir!" vollständig lesen
Mittwoch, 10. Oktober 2007
Die JEF-Hamburg veranstaltet am
24. und 25. November eine Simulation
Europäisches Parlament, für alle Schüler der Sekundarstufe II.
Angesichts der Tatsache, dass wir ein großartiges Organisationsteam haben,
habe ich keinerlei Bedenken diese Veranstaltung hier der Allgemeinheit zu
empfehlen. Seite heute ist Anmeldebegin; die erste Anmeldung
hatten wir bereits eine halbe Stunde später.
Update (14.11.2007): So vielversprechend die ersten frühen Anmeldungen waren. Leider verliefen die Anmeldungen danach viel schleppender und wir haben die sinnvolle Mindestteilnehmerzahl von 50 Teilnehmern (für rund 80 war es geplant) bis zum Anmeldeschluß leider nicht erreicht. Das SimEP mußte daher leider abgesagt werden. Wir überlegen jetzt, wie wir mit einer besseren Kommunikationsstrategie in einem zweiten Anlauf die Veranstaltung besser bewerben können. Für das erste nur so viel: es wird definitiv einen zweiten Anlauf geben. Wer Interesse hat kann sich gerne in unseren Verteiler aufnehmen lassen.
Mittwoch, 22. August 2007
Es ist schwer zu ertragen, wie zunehmend Freiheitsrechte im Namen des
Kampfes gegen den Terror abgebaut werden und wie mit Angst Politik
gemacht wird. Rational ist das nicht. Denn nüchterne Blicke in die
Statistiken zeigen, das wir weniger Probleme mit dem Terror haben als
mit Verkehrs- oder Drogentoten, den ganz alltäglichen Verbrechen oder
dem anhaltenden Problem des Rechtsextremismus insbesondere im Osten
unseres Landes.
Richtig absurd ist, was sich jetzt im Falle des Berliner Stadtsoziologen
Andrej H. ereignet. Das
Soziologen-Ehepaar Sassen und Sennett fasst das knapp zusammen und
kritisiert mit recht:
Der liberale Staat verändert sich. In den Sechzigerjahren besaß
Deutschland die aufgeklärtesten Gesetze für Flüchtlinge und
Asylsuchende in Europa; die USA erließen die feinfühligsten
Einwanderungsgesetze in ihrer Geschichte, und Frankreich
garantierte allen, die auf seinem Territorium geboren wurden,
automatisch die Staatsbürgerschaft, das galt auch für alle Muslime.
Heute haben alle diese Länder im Namen des "Kriegs gegen den
Terror" ihre Gesetze geändert - der Ausnahmezustand setzt sich
durch. Die Gesetze, die gegen echte Gefahren gedacht waren, werden
nun ausgelegt, um amorphen Ängsten zu begegnen. Anstelle echter
Polizeiarbeit wollen die Autoritäten der Gefahr, die sie fürchten,
einen Namen geben - irgendeinen Namen. Der Ausnahmezustand
untergräbt die Legitimität von Staaten. Wenn Fälle so verfolgt
werden wie dieser, dann läuft eine Regierung Gefahr, ihre Autorität
zu verlieren, und beraubt sich damit der Möglichkeiten,
wirkungsvoll gegen echte Terroristen vorzugehen.
Sollten unsere Kollegen wirklich gefährliche Soziologen sein, dann
sollten sie mit rationalen Mitteln strafrechtlich verfolgt werden.
Aber, wie in Guantánamo, scheint die Verfolgung an Stelle der
Strafverfolgung getreten zu sein.
Da frage ich mich doch, was soll das? Gerade angesichts der Tatsache,
dass anderen Ortes leider mal wieder ein viel drängerenderes Problem
sichtbar wurde, dass sich diesmal in Form eines wildgewordenen Mobs
beachtlicher Größe manifestierte, der sich wohlmöglichlich nicht nur
aus organisierten Rechtsextremen bildete und eine
Hetzjagd
auf eine kleine Gruppe Inder machte.
Ich wünschte die großen und kleinen Schäubles in der Legislative und Exekutive dieses Landes würden diese
wirklich drängenden und beängstigenden Probleme anfassen anstatt den
Rechtsstaat weiter zu sabotieren.
Samstag, 4. August 2007
Die Unterhaltung mit einem Freund über die Wurm-Ausstellung erinnerte mich daran, dass ich für diese unbedingt die Werbetrommel schlagen wollte, bevor sie am 2.9. d.J. schließt. Es gibt zahlreiche höchst skurille Plastiken, Zeichnungen, Photographien und Installationen zu sehen. Ich sah die Ausstellung Ende April oder gegen Anfang Mai, werde sie mir wohl aber nochmal ansehen und kann sie auch weniger kunstinteressierten Menschen empfehlen, da der Zugang zur Kunst Wurm's einfach zu finden sein sollte. Höchst unterhaltsam!
Beim Begriff "religiöse Rechte" mußte ich bisher primär an die
religiöse Rechte in den USA
denken. Noch stärker waren die Assoziationen beim Thema
Kreationismus, den ich noch in den 90ern für ein amerikanisches
Problem hielt, von abseitigen Äußerungen etwa von erzkonservativen katholischen
Bischöfen einmal abgesehen. Leider aber scheint es, dass der Kreationismus hier auch
hierzulande wieder zu einem Problem werden könnte. So äußerte sich z.B. die
hessische Kultusministerin Wolff dahingehend, dass die biblische Schöpfungslehre
im Biologie-Unterricht behandelt werden sollte.
Die hessische Kultusministerin Karin Wolff hat mit Kreationismus
»überhaupt nichts am Hut«, also der Idee, dass ein allmächtiger Gott für
die unendliche Komplexität des Lebens verantwortlich sei. Aber sie
spricht von »Konvergenzen« zwischen »Evolution und
Schöpfungsgeschichte«, und sie hält es für »sinnvoll«, Schüler nicht
allein mit der Evolutionslehre im Biologieunterricht zu konfrontieren.
Darwin und Nachfolger dürften nicht getrennt werden von der
»Schöpfungslehre der Bibel«, die im Religionsunterricht vermittelt wird.
Auch »noch eine andere Sicht« sei notwendig als nur die der
Naturwissenschaft.
(Josef Joffe in der ZEIT)
Eine Meinungsäußerung, die, abgesehen von wenigen (kritischen) Artikeln im
Feuilleton, weitgehend unbeachtet und folgenlos blieb. Koch stellte sich
hinter sie, und Wolff bleibt weiterhin für die Schulen in Hessen
zuständig auch ohne das von ihr verlangt wurde, zurückzurudern und ihre
Aussagen zu relativieren.
Diese Akzeptanz ist fatal. Zwar muß man sich zumindest im Moment um das
staatliche Schulwesen noch wenig Sorgen machen, doch die Entwicklungen
im privaten Schulwesen geben Anlass zur Sorge. So sagt z.B. der Politologe
Lammers nicht nur, dass
die Zahl der Menschen, die an naturwissenschaftlichen Welterklärungen
zweifelten, steigen würde, sondern er befürchtet auch, dass durch den
Trend zur Gründung privater Schulen, auch Kreationisten profitieren würden.
Ich halte diese Furcht für sehr begründet, schaut man sich derartige
Überlegungen etwa im Umfeld evangelikaler Gruppen an.
Doch man muß gar nicht so weit schauen. Auch andere Entwicklungen geben Anlaß
zur Sorge. In Hamburg etwa, wo, nach der Verabschiedung des
Staatsvertrages, die katholische
Kirche plant aus dem bisherigen Modell des interkonfessionellen Unterrichtes
auszusteigen, ist zu befürchten, dass auch dies zur Erosion
wissenschaftlicher Grundbildung führen könnte. Zwar ist die offizielle
Position der katholischen Kirche mit Hinblick auf die Schöpfungslehre
durchaus vernünftig, die Position vieler Kleriker auch in hohen Positionen
(etwa Mixa oder Schönborn) jedoch eher durch religiösen Fanatismus
gekennzeichnet. Und für die nahe Zukunft wird auch eine andere Entwicklung
interessant werden: der Anteil der Muslime in Hamburg wird in den nächsten
Jahrzehnten deutlich steigen. Auch hier gibt es sehr unterschiedliche
Positionen, die von "verhältnismäßig aufgeklärt" bis hin zu einem
wissenschaftsfeindlichen religiösem Dogmatismus reichen.
Lord Ralf
Dahrendorf hat vollkommen recht, wenn er in der Gegenaufklärung eine
ernsthafte Bedrohung sieht, der man jetzt kämpferisch
entgegentreten müßte.
Today’s counter-Enlightenment fashion can easily get out of hand. Those
who are committed to liberty must learn to appreciate and defend it now,
lest they someday have to fight to get it back.
Mittwoch, 25. Juli 2007
Die aktuelle Sozialerhebung
des Deutschen Studentenwerkes ist mal wieder relativ aufschlußreich.
Die Erhebung zeigt einmal mehr wie stark hierzulande sozial selektiert
wird,
doch das soll hier nicht mein Thema sein. Mein Thema an dieser Stelle sind
auch nicht die Ergebnisse zu Familienstand (rund die Hälfte aller männlichen
Studenten sind Ѕingles, etwas mehr als ein Drittel aller Frauen, verheiratet
sind rund 5%), Kindern (5% aller Studierenden haben ein Kind, mit Ende 20
hingegen 10% aller Studenten und 19% aller Studentinnen), Studienortwechseln
(15% wechseln während des Erstѕtudiums mindestens einmal den Studienort),
sondern die Studienfinanzierung.
"Sozialerhebung 2007" vollständig lesen
Sonntag, 24. Juni 2007
Ich bin heute über eine interessante
Metastudie der amerikanischen
Psychologenvereinigung, APA, zur
Sexualisierung junger Mädchen und Frauen gestolpert. In der
Studie sind einige interessante neue Sichtweisen auf das Problem der
zunehmenden Sexualisierung zu finden.
Ich möchte an dieser Stelle exemplarisch lediglich ein paar Befunden
anbringen, die ich aus einer schulpolitischen Perspektive heraus
interessant fand, wie zum Beispiel die Feststellung, dass der
Kleidungsstil junger Frauen maßgeblichen Einfluß auf ihre kognitiven
Leistungen hat. Je freizügiger sie sich kleiden umso mehr betrachten
sie sich mit dem Auge des potentiellen Betrachters
(Selbstobjektivierung), was wiederum zur Fragmentierung
der Aufmerksamkeit führt, weshalb sich die kognitiven Leistungen
signifikant verschlechtern. Diese Befunde liefern auch eine
interessante neue Erklärung dafür, warum Mädchen in koedukativen
Physik- oder Mathekursen im Allgemeinen schlechter abschneiden als in
reinen Mädchenkursen:
This may not be solely because boys would otherwise
dominate the classroom (one popular explanation for the success
of single-sex math classes for girls) but also because without
boys, girls can literally take their minds off their own bodies
and think more effectively.
"APA Metastudie: "Sexualization of Girls"" vollständig lesen
Montag, 30. April 2007
Es ist sehr erstaunlich wie sich Mentalitäten wandeln. Während noch
in der 80er-Jahren eine Volkszählung Massenproteste auszulösen
vermochte werden zunehmend mehr Überwachungsmaßnahmen angedacht als
jemals zuvor und das Volk schweigt.
Die Privatssphäre wird zu einem gefährdetem Gut und
der Staat selbst zur Bedrohung: Der Grundsatz, lieber zehn Schuldige nicht zu bestrafen, als
einen Unschuldigen zu bestrafen, kann für die Gefahrenabwehr nicht gelten. ,
meinte unlängst unserer amtierender Innenminister in einem
Stern-Interview.
"Big Brother" vollständig lesen
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